Noch dicht? - Was man über die Wassersäule bei Zelten wissen sollte

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Noch dicht?
Was man über die Wassersäule bei Zelten wissen sollte

Text und Bild: Mara Biebow - trekking-lite-store.com

Was haben Orgelbau, Uhren und die Konstruktion von Zelten gemeinsam? Seltsame Frage? Nein, die macht schon Sinn. Es geht nämlich heute um die Wassersäule.

Die Wassersäule ist für viele neben Konstruktion und Größe ein super wichtiges Kriterium bei der Auswahl ihres Zelts. Unbestreitbar ist es wichtig, dass das Zelt dicht ist. Oft haben wir jedoch das Gefühl, einer möglichst hohen Wassersäule wird eine fast schon extreme Bedeutung beigemessen, ohne dass überhaupt klar ist, was damit gemeint ist.

Schild mit Wassersäulen Bezeichnung



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Wasser ... Was?

Einfach gesagt ist eine Wassersäule genau das, was man sich darunter vorstellt: eine (theoretische) Säule aus Wasser. Mit ihr wird der Druck angegeben, dem ein Gewebe standhalten kann, bevor Wasser durchdringt, oder mit anderen Worten: die Wasserdichtigkeit eines Materials. Die Einheit ist Millimeter Wassersäule. Je höher die Wassersäule, desto mehr Druck ist nötig, um Wasser durch ein Gewebe zu drücken und desto wasserdichter ist eben jenes Gewebe. 10.000 mm Wassersäule (WS) entsprechen ungefähr einem Bar. Die Berechnung dazu ersparen wir uns und euch an dieser Stelle.

Als Beispiel wird gern, die im nassen Gras sitzende Person angeführt. Diese erzeugt einen Wasserdruck von etwa 2000 mm WS. Kniet sich die selbe Person jedoch auf den Boden, verdoppelt sich der Druck. Das ist übrigens auch der Grund, warum man es vermeiden sollte, sich auf dem Zeltboden hinzuknieen, erst Recht bei feuchtem Untergrund.

Ermittelt wird die Wassersäule mit einem hydrostatischen Wasserdruckversuch wie dem sogenannten Suter-Test. Das zu testende Material muss dabei steigenden Wasserdruck aushalten. Anfangs ist der Druck 0, anschließend wird er schrittweise erhöht, bis sich der dritte Tropfen auf der anderen Seite des Gewebes bildet. Was früher tatsächlich mit einer Wassersäule gemacht wurde, übernehmen heute Maschinen.

Wassersäulen vergleichen? Lieber nicht.

Soweit so gut. Das Problem: Es gibt nicht die eine standartisierte Messmethode für die Feststellung, wie wasserdicht ein Material ist. Es gibt unterschiedliche Normen, Verfahren und auch die Bedingungen unterscheiden sich von Labor zu Labor. Das muss man wissen, wenn man wasserdichte Zelte (oder Regenjacken) anhand ihrer Wassersäule miteinander vergleichen will.

Tropfen auf Zeltgewebe

Insbesondere zwischen den USA und Europa gibt es ziemlich gravierende Unterschiede. Während in Europa die DIN- Norm EN 20811:1992 gilt, ist es in den Staaten der AATCC-Standard 127. Nach europäischer Norm wird an fabrikneuen Zelten getestet, in den USA an fünf Jahre alten Zelten. Das erklärt die meist geringeren WS-Werte bei unseren amerikanischen Herstellern wie Big Agnes, Lightheart Gear, MSR oder Six Moon Designs. Ein fünf Jahre altes Zelt hat eben nicht mehr die WS, die ein neues Zelt hat. Schließlich war es UV-Strahlen, Witterungseinflüssen und Benutzung beim Camping ausgesetzt.

Das heißt im Klartext:
Eine 3000 mm WS bei einem amerikanischen Zelt ist mehr als ein genauso hoher Wert bei einem europäischen Zelt. Aber auch: Ein geringerer WS-Wert bei amerikanischen Zelten heißt nicht automatisch, dass das Zelt schlechter ist, als ein europäisches. Übrigens gilt ein Stoff für den hohen Anspruch ab einem Wassersäulen-Wert von 1300 mm als wasserdicht.

Der Unterschied zwischen wasserdicht und wasserabweisend

Aber Gewebe können nicht nur wasserdicht sein. Vor allem bei Bekleidung sieht man häufig auch die Begriffe „wasserabweisend“ oder „wasserfest“. Der Unterschied ist vor allem bei stundenlangem Wandern im Regen zu spüren. Eine gute wasserdichte Jacke sollte dich auch dann trocken halten. Bei einer wasserabweisenden Jacke kann es hingegen durchaus sein, dass nach einiger Zeit der Regen durchdringt.
Wasserdichtes Gewebe saugt sich an der Oberfläche voll Wasser, lässt aber durch eingearbeitete Membrane oder Laminate keine Nässe hindurch. An wasserabweisendem Gewebe perlt das Wasser hingegen ab und dringt gar nicht erst in das Gewebe ein. Dieser Schutz ist allerdings nicht endlos. Beim oben erwähnten Regenwandern kann durchaus Nässe in die Jacke eindringen.



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Hoch, höher, wasserdicht

Wassersäulen lassen sich also nur bedingt miteinander vergleichen. Doch nicht einmal dann kann man wirklich genaue Aussagen über die absolute Wasserdichte treffen. Für die Wassersäule wird nämlich nicht das gesamte Zelt oder die fertige Regenjacke betrachtet, sondern ausschließlich das Gewebe.

Lassen wir die einfachste Form des Tarps mal außen vor, besteht ein Zelt jedoch nicht nur aus einem Stück Gewebe. Es hat Abspannpunkte, Reißverschlüsse, Kanten, Lüftungsöffnungen und eine spezifische Form. Und das alles wird von Nähten zusammengehalten. Sind diese nicht gut verarbeitet und ausreichend abgedichtet, nützt auch ein Gewebe mit einer 10.000er WS nichts. Dann wird es durchtropfen.

Abgedichtete Zeltnaht

Auch der zusätzliche Druck auf das Gewebe ist ein Faktor. Bei einer Regenjacke wäre das das Gewicht des Rucksacks auf den Schultern. Im Zelt ist es der Zeltboden, der besondere Beachtung verdient.

Ihr erinnert euch: Ein knieender Mensch übt ungefähr den Druck eine 4000 mm hohen Wassersäule aus. Kniet man also auf einem 3000 mm Zeltboden bekommt man vermutlich nasse Knie. Besonders bei leichten und ultraleichten Zelten sind die Böden aus dem gleichen Material wie das Fly, sodass hier etwas Vorsicht geboten ist. An dieser Stelle wollen wir allerdings auch nochmal auf die Unterschiede zwischen Europäischen und amerikanischen WS-Werten hinweisen. Ihr seht: Es ist alles nicht ganz so einfach mit der Wassersäule.



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Aber was haben nun Orgeln und Uhren damit zu tun?

Neben der Wasserdichtigkeit von Gewebe wird mit der Wassersäule auch im Orgelbau und bei Uhren gearbeitet. Bei Uhren insbesondere bei Taucheruhren gibt die Wassersäule ebenfalls die Wasserdichte an, die alle Dichtungen und Materialien aushalten müssen. Im Orgelbau wird mittels der Wassersäule der Winddruck angegeben, mit dem die Orgelpfeifen angespielt werden. Falls euch also mal jemand fragt, was Zelte und Orgeln gemeinsam haben, wisst ihr jetzt Bescheid.

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